Vis a Vis

Line
Vis a vis spielt ein alter Fischer von Seemannsglück und Schiff Ahoi.
Die Mundharmonika ist, so denke ich, genau so alt wie er selber und ich frage mich, wie viele Lieder er schon auf dieser gespielt haben muss. Von der Neugier gepackt erhebe ich mich aus meinem Liegestuhl und gehe auf den alten Mann zu, auf dessen Armen vergangene Zeit in Form von unzähligen Tätowierungen lebt. Ich setze mich zu ihm und lausche den Klängen, die zeitweise ziemlich schief daherkommen. Nichtsdestotrotz gefällt mir diese Art von Musik und manchmal kam mir vor, als würde er wie im Trance die Vergangenheit aus seiner Mundharmonika pressen. Seine Hände sahen wahnsinnig verbraucht und abgearbeitet aus, die Fingernägel hatten schon lange keine Schere mehr gesehen und was sich darunter abspielt, möchte ich mir gar nicht näher ins Gedächtnis rufen müssen, aber sie gehören zu ihm, wie die Falten die seine Hände zieren und das dunkelbraun, dass durch das Weiß der Fingernägel noch mehr zum Ausdruck gebracht wurde. Seine Hose, kurz und speckig im Aussehen, franst an den Beinenden aus und sein dicker, von der salzigen Luft gestärkter Wollpullover kommt mir viel zu heiß für diese Jahreszeit vor. Seinen Hals versteckt er gekonnt unter einem mit Ankern und Steuerrudern bedruckten Tuch, das abends sicherlich mit ihm schlafen geht. Der Knoten liess mich darauf schließen. Er war festgezurrt und bildet ein waghalsiges Ende.
Ein paar schwarze Haarsträhnen deuten auf seine einstige Haarfarbe, die heute im Grau untergeht, aber dieser Schleier passt zu ihm. Genauso wie die dicke Goldkette mit einer Art Madonna der Seefahrt ähnlichen Silhouette. Sein Handgelenk schmückt ein aus bunten Fäden geknüpftes Band, das sicherlich auch zu den Schlafutensilien gehört und seine ziemlich groß gewachsenen Füße füllen ausgediente, von Meerwasser und Sonne waschgetrocknete Sandalen.
„Seemann, lass das Träumen“ hat schon längst sein Ende gefunden und ich bemerkte plötzlich, dass sein Blick auf mich gerichtet war. Ich schaute auf und ein graues, drei Tage Bart wäre unter trieben Lächeln, kam mir entgegen. Ich merkte, dass ich verlegen wurde, zumindest spürte ich dies durch das Aufsteigen einer mir in solchen Momenten wohl bekannten Wärme und ich saß ihm jetzt sicher mit hochrotem Kopf gegenüber.
„Gefallen dir Musik ?", hörte ich ihn fragen und ich nickte, immer noch ein wenig gehemmt, denn ich muss diesen Mann mit meinen Blicken sicherlich hypnotisiert haben. Beihnahe zumindest, denn er schien mir noch recht munter.
"Wie alt ist diese Harmonika"?, fragte ich, um von mir abzulenken. Er schaute mich an und meinte:"73 Jahre…"
Also hatte ich doch recht: Er hatte sie schon in die Wiege gelegt bekommen.
Er reichte sie mir und fragte: „ Du spielen“? Ich schüttelte energisch den Kopf,nein, nur das nicht. Ich kann das auch nicht, erwiderte ich
„Probiere Fraulein, einkfach probiere, sagte er und ich deutete mit Hand und Fuß, dass ich das nicht unbedingt wollte.
Das gute Stück in meiner Hand sprach Bände, es war ein elegantes Teil, das zwar schon etliche Jahre am „Buckel“ hatte, aber sehr gepflegt war.Hohner las ich darauf und ich musste unweigerlich an meine Heimat denken.
Hab ik bekomme von meine Grossvatr und ich sah, wie seine Augen zu leuchten begannen.
Ich gab ihn das gute Stück zurück und bedankte mich für`s Zeigen. Er nahm sie in die Hand und fragte: „ Du haben einen Wunsch von Lied? Ich verneinte, er lächelte, führte sie zum Mund und es erklang ..
"What shall we do with a drunken sailor"
Ich musste lächeln, es klang so anders ..in meinem Ohr, als ich wieder vis a vis auf meinen Liegestuhl lag..
Füchslein
hast Du sehr schön erzählt, liebe Line.
Line
Bitte gerne liebes Füchslein... tatsächlich so geschehen .. ich war total fasziniert von diesem Mann.. Seine Jahre waren ihm ins Gesicht geschrieben aber er lebte so schien es.. glücklicher als unsere einer im Wohlstand..
Danke dir fürs lesen.. ganz liebe Grüße, Line
Holger
danke Line für deine Geschichte die du hier für uns alle weitergegeben hast, so ist auch das Lied des alten Mannes wieder ein Stück weiter getragen wurden. Ja es gibt Menschen die ziehen uns in ihren Bann durch ihre Erscheinung ihre Gesten und haben etwas geheimnisvolles was ihnen gegeben ist um tief in uns eindringen zu können, dazu bedarf es allerdings auch der Gabe dies selbst aufnehmen zu können nicht jedem Menschen gelingt es diese Signale aufzunehmen aber vorallem auch zuzulassen. Augenzwinkern